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Individualität bei Tieren: Jeder Gorilla ist einzigartig
Im Gespräch mit Dr. Jana Uher, FU Berlin
Jana Uher ist ein seltenes Exemplar ihrer Spezies. Sie ist bisher die einzige Persönlichkeitspsychologin in Deutschland, die sich mit der Vergleichbarkeit von Persönlichkeit bei Tier und Mensch befasst. Besonders spannend findet sie unsere nahen Verwandten, die nichtmenschlichen Primaten. Sie hat Methoden entwickelt mit der sich Persönlichkeitsprofile von Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orangutans erfassen lassen, ohne dass die Tiere dabei vermenschlicht werden. Denn diese Gefahr besteht, wenn Persönlichkeitskonzepte aus der Psychologie ins Tierreich übertragen werden
Frau Uher, der Psychologe Sam Gosling von der Universität Austin in Texas hat Tierhaltern Persönlichkeitsfragebögen vorgelegt, auf denen sie nicht nur Angaben über sich selber machen sollten, sondern auch über ihre Haustiere. Dies fiel ihnen erstaunlich leicht: Sie hatten keine Probleme, die Charaktereigenschaften ihrer Haustiere zu bewerten, nicht einmal die Frage nach den philosophischen Neigungen ihrer Hausgenossen irritierte sie. Frau Uher, lassen sich Persönlichkeitseigenschaften eins zu eins von Menschen auf Tiere übertragen?
Nein, das glaube ich nicht. Aber vermutlich neigt jeder Mensch dazu, auch Tieren mitunter menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, wenn auch in unterschiedlichem Grade. Wir betrachten die Welt nun mal aus unserer menschlichen Perspektive. Jeder Tierhalter, wenn er oder sie selbstkritisch ist, kennt das von sich. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Für wissenschaftliche Zwecke muss man jedoch genau prüfen, wie zuverlässig und genau menschliche Beobachter das Verhalten von Tieren wahrnehmen und intuitiv beurteilen können und wo dabei ihre Grenzen sind.
Und wo wären diese Grenzen in diesem Fall?
Wir müssen uns erst einmal klar machen, dass man unter Persönlichkeit gemeinhin zwei verschiedene Dinge versteht: Einmal das, was wir auch bei Tieren untersuchen können, nämlich individuelle Verhaltensmuster und -profile, mit denen sich ein Individuum vom anderen unterscheidet, und zum anderen sogenannte Zuschreibungen. Diese zweite Kategorie ist typisch menschlich, denn wir Menschen können miteinander und übereinander reden. So gestalten wir unsere soziale Welt. Zuschreibungen widerspiegeln sich in den Wörtern, die wir verwenden, um andere zu beschreiben.
Also etwa Eigenschaften wie „neugierig“, „freundlich“, „griesgrämig“...
Ja. Die Crux ist aber, dass diese Zuschreibungen das tatsächliche Verhalten eines Individuums nicht immer genau charakterisieren, denn sie beinhalten immer auch persönliche und sozial geteilte Interpretationen. Wenn beispielsweise ein Lehrer einen Schüler beobachtet und feststellt, dass dieser von sich aus wenig sagt, kann er ihn als „schüchtern“ oder „unbeteiligt“ beschreiben, je nachdem welche Gründe er seinem Verhalten unterstellt.
Das müssen wir besonders berücksichtigen, wenn Leute Tiere mit Hilfe von Fragebögen einschätzen, denn über andere Arten wissen wir naturgemäß weit weniger als über unsere eigene. Als Menschen neigen wir einfach dazu, menschliche Züge in andere Wesen und Dinge hinein zu interpretieren. Sogar in Roboter! Selbst diesen Maschinen schreiben wir Gefühle und Persönlichkeitseigenschaften zu, wenn sie nur in irgendeiner Weise ähnlich reagieren, wie wir es von unseren eigenen Artgenossen gewohnt sind. Aus diesem Grund sprechen viele von uns sogar hin und wieder mal mit ihrem Auto.
Was folgt daraus für die Persönlichkeitsforschung?
Um Persönlichkeitsmerkmale von Tieren wissenschaftlich zu erfassen, brauchen wir Methoden, mit denen diese „vermenschlichenden“ Einflüsse möglichst ausgeschlossen werden. Für die Wissenschaft ist es entscheidend, individuelles Verhalten nicht mit Zuschreibungen zu verwechseln und uns auf die Erforschung des tatsächlichen Verhaltens zu konzentrieren. In meiner Arbeit habe ich Methoden der Persönlichkeitspsychologie und der Verhaltensbiologie so miteinander kombiniert, dass wir jetzt individuelle Verhaltensmuster auch bei Tieren eindeutig identifizieren und analysieren können.
Warum interessieren Sie sich als Psychologin für Tierpersönlichkeit?
Ich bin überzeugt, dass wir die Frage, warum wir Menschen so unterschiedlich sind, durch Untersuchungen nur an uns selbst nicht ausreichend klären können, sondern erst durch Vergleiche mit anderen Arten. Indem wir uns zum Beispiel fragen, bei welchen anderen Arten es auch solche Unterschiede gibt, welcher Art diese sind, wie groß sie sind und warum sie sich bei diesen Arten entwickelt haben und bei anderen nicht.
Wie zeigt sich Persönlichkeit bei Menschenaffen?
Dazu kann ich ein Schlüsselerlebnis erzählen, dass ich zu Beginn meiner Forschungsarbeit hatte. Wir konfrontierten damals am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Gorillas mit einer sogenannten Inhibitionsaufgabe. Dabei bekamen sie zwei unterschiedlichen Mengen Futter, z.B. eine und vier Rosinen gezeigt und sollten sich für eine der beiden Portionen entscheiden. Affen haben den Impuls immer gleich auf die größere Futtermenge zuzugreifen. Sie bekamen in diesem Experiment aber immer die andere Portion, für die sie sich nicht entschieden hatten. Wir wollten wissen, ob die Tiere es schaffen, diese Umkehrlogik zu durchschauen und umzudenken, und ihren ersten Handlungsimpuls zu unterdrücken. Natürlich war diese Aufgabe für die Affen zunächst sehr frustrierend. Mich hat damals sehr erstaunt wie unterschiedlich die einzelnen Tiere auf diesen Frust reagiert haben. Das war faszinierend! Es gab einige, die donnerten erstmal gegen die Scheibe und kletterten die Wände hoch, um ihren Frust auszulassen. Andere saßen ganz still, zupften sich einzelne Haare aus, und spielten damit herum, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Wieder andere bauten eine innere Körperspannung auf und sackten dann, als sie die größere Futtermenge verloren, mit einem seufzerähnlichen Ausatmen in sich zusammen. Ab diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass wir solchen individuellen Unterschieden doch mehr Aufmerksamkeit widmen sollten. Zumal wir Ähnliches ja auch in vielen anderen Verhaltensexperimenten beobachten. Zum Beispiel sind Menschenaffen in ihren Problemlösefähigkeiten individuell sehr unterschiedlich. Die individuellen Unterschiede sind zum Teil sogar größer als die Unterschiede zwischen den Arten.
Mittlerweile wissen wir aus verschiedenen Studien, dass sich auch bei Menschenaffen Individuen zum Beispiel in ihrer emotionalen Stabilität, Aggressivität, Soziabilität, Explorativität und Impulsivität stabil voneinander unterscheiden. Es gibt Mütter, die sehr fürsorglich sind und andere, die ihre Kinder eher vernachlässigen. In meinen eigenen methodischen Studien an einer kleinen Stichprobe von Menschenaffen gab es zudem deutliche Hinweise auf stabile individuelle Unterschiede in der Ablenkbarkeit, in so etwas wie „Verfressenheit“, Konkurrenzorientierung oder auch in der Beharrlichkeit, für eine Belohnung zu arbeiten.
Gibt es ähnlich starke Unterschiede auch bei Tieren, die mit uns weniger nah verwandt sind als Menschenaffen?
Ja,
aber ich bin mittlerweile sehr skeptisch geworden, ob sich analoge
Phänomene zur menschlichen Persönlichkeit tatsächlich in einer sehr
großen Vielzahl von Arten finden lassen, wie dies derzeit in der
Tierforschung diskutiert wird. Viele Tierstudien sind methodisch
unzureichend, deshalb überzeugt mich die Datenlage bislang nur bei
einigen. Zum Beispiel haben schwedisch-dänische Forscher in
hervorragenden Verhaltensstudien an mehreren 10.000 Hunden verschiedene
Persönlichkeitseigenschaften identifiziert. Damit konnten sie auch
typische Eigenschaftsprofile der durchschnittlichen Vertreter
verschiedener Hunderassen messen. Eine weitere methodisch fundierte
Forschungslinie gibt es in Australien an Tintenfischen. Das sind
wirbellose Tiere, die zu erstaunlichen Intelligenzleistungen fähig sind.
Sie zeigen stabile individuelle Verhaltenstendenzen in der
Aggressivität, Risikobereitschaft, Aktivität und Erregbarkeit. Das ist
sehr faszinierend.
Gibt es auch Tierarten, denen sie Persönlichkeit im Sinne „individueller Verhaltensbesonderheiten“ absprechen würden?
Diese
Frage ist gegenwärtig nicht abschließend zu beantworten, weil
umfassende Studien bislang fehlen. Zudem haben viele Tierforscher das
Konzept der Persönlichkeit missverstanden und publizieren Datenanalysen,
die eindeutige Schlüsse nicht zulassen. Das Konzept des
Verhaltenssyndroms z.B. wird häufig als analog zu
Persönlichkeitskonzepten betrachtet. Es besagt jedoch nur, dass
bestimmte Verhaltensweisen häufiger gemeinsam auftreten. Das muss aber
nichts mit individuellen Besonderheiten zu tun haben. Solche
Zusammenhänge können auch aus ganz anderen Gründen auftreten. Zum
Beispiel suchen alle Individuen, wenn sie hungrig sind, verstärkt nach
Futter und gehen dabei mehr Risiken ein, und wenn sie nicht hungrig
sind, zeigen sie diese Verhaltensweisen eben nicht. Statistisch hängen
die Verhaltensweisen stabil zusammen, aber nur, weil sie der gleichen
Funktion dienen und nicht, weil einzelne Individuen generell mehr
„verfressen“ sind als andere, wie wir dies z.B. von Menschenaffen
zumindest aus Gefangenschaft kennen. Aus verhaltenswissenschaftlicher
Sicht erwarten wir auch gar nicht, in jeder Art individuelle
Verhaltensbesonderheiten zu finden. Vor allem beim Schwarmfischen sind
individuelle Verhaltensstrategien wenig wahrscheinlich, weil sie ja der
Schwarmstrategie widersprechen würden. Das kann bei anderen Fischarten
allerdings durchaus ganz anders sein.
Bilder: © Eric Isselée - Fotolia.com
Webseite der Forschungsgruppe "Vergleichende Differentielle und Persönlichkeitspsychologie" an der FU Berlin
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